Dorothea Wagner, geb. Hujo (1919–2015)

Dorothea Wagner, geb. Hujo (1919–2015)

Geschrieben von Irina Pracht aus Offenburg am .

Die Ausreise von Russland nach Deutschland begann für mich bereits 1989, als meine Großmutter Dorothea Wagner, geb. Hujo, mit ihrem jüngsten Sohn, seiner Frau und ihren beiden Kindern in die BRD ausreiste.

Damals war ich zwölf Jahre alt und wusste nur wenig über Deutschland, vor allem nichts über die BRD. Meine Großmutter war damals bereits siebzig Jahre alt.


Dorothea Wagner, geb. Hujo (1919–2015)
Dorothea Wagner, geb. Hujo (1919–2015)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Aus dem Dorf Schaffhausen an der Wolga

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Sibirien, in der Nähe von Barnaul

Bis zu ihrer Ausreise hatte sie in Kasachstan in der Stadt Ekibastus gelebt und als Putzfrau gearbeitet. Aufgrund ihrer kleinen Rente wollte meine Großmutter weiterarbeiten, um sich kleine „Extras“ leisten zu können. Dort hatte sie eine kleine 2-Zimmer-Wohnung und zusammen mit ihrem Sohn eine Datscha außerhalb der Stadt.

Mein Großvater Johann Wagner war zu dieser Zeit bereits seit neun Jahren tot. Er starb 1980 mit nur 56 Jahren an Krebs in Russland, im Dorf Kolyvanskoe. Das ist in der Nähe der Stadt Barnaul in Sibirien.

Nach dem Tod meines Großvaters zog meine Großmutter zu ihren beiden Söhnen nach Kasachstan. Sie waren beide verheiratet, hatten Kinder und gute Jobs in Ekibastus.

Großmutter wurde am 16. Februar 1919 im deutschen Dorf Schaffhausen (heute Wolkowo) an der Wolga geboren. Sie war die erste Tochter der Familie (es waren insgesamt vier Töchter). Eines Tages im Jahr 1928 fuhr ihr Vater in eine andere Stadt, um Weizen zu verkaufen, und erkrankte dort an Typhus. Eine fremde Familie hatte ihn gesund gepflegt und er kam nach einiger Zeit wieder zurück, allerdings hatte er keine Beine mehr, diese wurden ihm amputiert. Das war für die Familie eine große Tragödie.

Meine Großmutter erinnerte sich: „Ich war drei Jahre alt, als sie uns unseren Tata Monate später auf einem Pferdewagen brachten. Er hatte keine Beine mehr und war ein Krüppel. Meine Mama wollte ihn nicht mehr haben und sagte, die Leute sollen ihn wieder mitnehmen. Vaters Mutter jedoch schimpfte auf die Mama. Natürlich nahm sie ihn wieder.“

Als ältestes Kind in der Familie musste meine Großmutter zuhause sehr hart arbeiten. Sie musste Holz hacken, Wasser holen, das Haus sauber halten und auf die jüngsten Schwestern aufpassen. Mit nur sechs Jahren musste sie um vier Uhr morgens aufstehen und das einzige Pferd auf die Weide bringen. Dieses Pferd war für die siebenköpfige Familie goldwert, denn das Pferd war nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch zum Pflügen da.

Dieses einzige Pferd wurde der Familie 1930 im Rahmen des Enteignungsprogramms in der Sowjetunion weggenommen. „Nehmt uns nicht den Gaul, schrie mein Tata! Wie sollen wir überleben?“, erinnerte sich meine Großmutter, als die Bolschewiken mit dem Pferd davon gingen. Und dann kam der große Hunger.

Der Vater meiner Großmutter war oft aggressiv und unzufrieden. Er, als Familienoberhaupt ohne Beine, konnte wenig machen und kam sich oft unnütz vor. Seine Wut und Unzufriedenheit hatte er an seinen Kindern ausgelassen.

Der erste Mann meiner Großmutter hieß Johannes Petri. Ihren ersten Ehemann hatte sie sehr geliebt, er war ihre erste große Liebe.

Einige Jahre vor ihrem Tod erzählte sie immer wieder von ihm.

Sie heirateten 1939, als Großmutter 20 Jahre alt war. Es war ein sehr kalter und windiger Tag. Einer der Hochzeitsgäste prophezeite, dass diese Ehe unglücklich verlaufen werde, weil es so außergewöhnlich kalt an diesem Tag sei. So sollte es auch kommen.

Anfang 1940 bekamen sie ihren Sohn Arthur, der im Alter von einem Jahr krank wurde und starb. Nach kurzer Zeit wurde meine Großmutter wieder schwanger.

Anfang 1941 ist dieses Kind (ein Mädchen) bei der Geburt gestorben. Im selben Monat wurde Johannes zur Wehrpflicht berufen. Nur vier Monate später, im Juni 1941, besuchte meine Großmutter ihren Ehemann mit der Hoffnung, das dritte Mal schwanger zu werden.

Am 22. Juni, dem Tag des Angriffs Nazideutschlands auf die Sowjetunion, verließ meine Großmutter ihren Johannes, um nach Hause zu ihren Eltern zu fahren. Sie kam sicher in Schaffhausen an der Wolga an. Von ihrem Johannes hatte sie allerdings nie wieder etwas gehört und wurde auch nicht das dritte Mal schwanger.

1941 wurde meine Großmutter mit ihrer gesamten Familie, darunter die Eltern und die Geschwister, nach Sibirien zwangsumgesiedelt. Nur wenige persönliche Sachen nahmen sie mit. Der Vater meiner Großmutter hatte einige historische Dokumente im Haus, die er nicht mitnahm. Er dachte, sie würden wieder zurückkommen.

Niemals gingen sie wieder zurück, alles wurde ihnen weggenommen und nichts wurde kompensiert. An der Wolga warteten sie auf ein „Schiffchen“, das sie nach Saratow bringen würde. „Das Vieh hörten wir kreischen, die Kühe mussten gemolken werden. Das tat uns in der Seele weh.“, erinnerte sich meine Großmutter.

In Saratow wurden sie in die Viehwaggons gestopft und fuhren der ungewissen Zukunft entgegen. Tausende Wolgadeutsche starben auf dieser mehrtägigen Fahrt nach Sibirien. „Wir wurden in den Viehwaggons abtransportiert, in denen wir auch unsere Notdurft verrichten mussten.“, erzählte mir meine Großmutter. schweren Herzens und mit Tränen in den Augen schilderte sie mir von dieser schrecklichen Zeit und dem Elend.

In Südsibirien, in Barnaul, angekommen, wurden sie weiter ins Dorf Kolyvaskoye abtransportiert. Der Vater meiner Großmutter, die Mutter und die beiden jüngsten Schwestern blieben da, meine Großmutter und ihre andere Schwester wurden jedoch ins Arbeitslager (Trudarmee) gebracht, wo sie mit anderen Frauen bis 1946 Holz fällen musste.

Das Lager war umzäunt und bewacht. „Wir kamen uns wie Schwerverbrecher vor, die Dokumente nahmen sie uns weg und wir hatte keine Rechte.“, berichtete mir meine Großmutter.

In den Arbeitslagern mussten die Menschen hungern, frieren oder wurden krank und starben an der mangelnden Hygiene. Und das alles nur, weil sie Deutsche waren.

Als meine Mutter einmal meine Großmutter fragte, wie das denn so war, als Frauen in der Trudarmee ihre Periode bekamen, da antwortete meine Großmutter, dass die Frauen damals die Periode nicht hatten. Der Körper hatte das einfach blockiert. Unglaublich!

Das Leben ging jedoch weiter. Der Krieg war 1945 zu Ende, die Arbeiterkolonne meiner Großmutter wurde 1946 aufgelöst und die Menschen in verschiedene Regionen wieder umgesiedelt. Meine Großmutter durfte zurück zu ihren Eltern nach Kolyvanskoe ziehen. Dort wartete sie weitere acht lange Jahre sehnsüchtig auf ihren Johannes, allerdings umsonst.

Aber das ein Mensch nicht lange alleine sein kann und will ist nur menschlich. Meine Großmutter war schon 30 Jahre alt, als sie 1949 erneut heiratete und zwar meinen Großvater Johann, der fünf Jahre jünger als meine Großmutter war und bereits einen neun Monate alten Sohn hatte. Seine erste Frau starb an einer Lungenentzündung. Meine Großeltern bekamen noch zwei weitere Kinder zusammen. Meine Mutter und noch einen Sohn.

Bereits in Deutschland, in den 1990er Jahren (da war meine Großmutter Mitte 70), erfuhr sie, dass ihr erster Ehemann während des Krieges in Deutschland war und aufgrund seiner Deutscher Herkunft die Möglichkeit hatte, in Deutschland zu bleiben. Er entschied sich jedoch dagegen und verließ Deutschland, um zu seiner Dortje (so liebevoll nannte er meine Großmutter.) zurück zu gehen.

Er kam nie nach Hause!

Bis zu ihrem Tod wusste meine Großmutter nicht genau, was mit ihrem ersten Ehemann geschehen war. Vermutlich starb er mit 22 oder 23 Jahren im Krieg, als er zurück nach Russland ging. Allein der Gedanke jedoch, dass er zurück zu seiner Dortje wollte, erfüllte meine Großmutter mit viel Liebe und Respekt für ihren ersten Ehemann.

Oft erzählte sie in den letzten Jahren ihres Lebens von der damaligen Zeit. Sie starb im Haus ihrer Tochter, in Wolfach, am 04. Oktober 2015 und wurde sechsundneunzig Jahre alt.




Irina Pracht

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Irina Pracht




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