Irene Hinsch und Nina Sophie Hinsch mit Familienfotos

Gustav Werle (1895-1943)

Geschrieben von Irene Hinsch aus Kellinghusen am .

Gustav wurde in der deutschen Kolonie Dawsun im Nordkaukasus geboren. Als Jugendlicher kam er mit seinen Eltern nach Sibirien, in die Region Altai. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Gustav eingezogen. Er diente als russischer Untertan von 1915 bis 1918 in der Zarenarmee: Zuerst im 712. Tomsker Fußtruppe (Druschina) und später an der Kaukasischen Front gegen die Türken.


Gustav Werle (1895-1943)
Gustav Werle (1895-1943)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Dorf Rosental, Kreis Baschanta, Autonome Republik Kalmykien

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Dorf Mnogozwetnoe, Kreis Krasnoarmejsk, Gebiet Nord-Kasachstan

Als einfacher Soldat nahm er an den Gefechten um Erzurum Teil. Nach Ende des Kriegs 1918 kam er nach Hause zurück und gründete eine Familie. Doch der Frieden war nicht von Dauer: Im Bürgerkrieg nahm er, wie so viele damals, die Seite der Bolschewiken an, die allen Völkern Russlands das Selbstbestimmungsrecht versprachen. Er ging zu den sibirischen Partisanen und später, von 1919 bis 1921, kämpfte er als Kavallerist in dem 2. Sibirischen Personalregiment der 5. Ostarmee. Gustav war einer der Rotarmisten, die die Sowjetmacht in Sibirien und sogar in der Mongolei verbreiteten.

Als 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft begann und die Dorfbewohner von Blumenfeld (Gebiet Tomsk) ihr gesamtes Hab und Gut verloren, versuchten die Blumenfelder in die USA auszuwandern, doch kaum jemandem gelang es. Auch Gustav und seine Familie blieben im Land. Im Jahre 1932, als neugewählter Vorsteher einer neugegründeten Kolchose ist Gustav dafür zuständig das gesamte Getreide an die Kreisverwaltung abzuliefern. Doch Gustav spielt nicht mit: er entscheidet die Blumenfelder vor Hunger zu retten und ließ das Korn aus dem Kolchosspeicher unter allen Bewohnern verteilen. Für diese „konterrevolutionäre Sabotage“ wurde er verhaftet. Bei einer spontanen „Weiberdemontration“ wurde er jedoch von den Dorffrauen befreit. Die Frauen gingen davon aus, dass der Dorfpolizist nicht auf die Frauen schießen würde. Der Plan ging auf. Gustav kam frei, musste jedoch noch in derselben Nacht mit der ganzen Familie fliehen. So entging er den Säuberungsaktionen der 30er Jahre, denen ein großer Teil seiner Familie zum Opfer fiel. 

Seine inzwischen siebenköpfige Familie schlug sich fast ein Jahr durch halb Russland durch, um vom Altai in den Nordkaukasus zu kommen. Unterwegs verloren sie ein Kind durch eine Krankheit. Ein Neuanfang fiel zunächst schwer, doch nach wenigen Jahren leitete Gustav eine weitere Kolchose in der Republik Kalmückien (Nordkaukasus). In dieses Dorf, Rosental, retten sich vor der Verfolgung der NKWD im Laufe der 30er Jahre mehr als 20 Familien aus dem sibirischen Blumenfeld. Diese Menschen schafften sich in der neuen Heimat einen für sowjetische Verhältnisse hohen Wohlstand. Doch dann kam der Krieg.

Am 9. November traf in Rosental eine Truppe der Rotarmisten ein. Die Männer des Dorfes waren an diesem Tag unterwegs: Sie retteten das Vieh vor der sich nähernden Wehrmacht. Die Frauen, die Alten und die Kinder mussten packen und nach drei Stunden verließen die Menschen mit Pferdezug unter den Gewehrläufen der Roten Armee das Heimatdorf. Die Männer holten den Pferdezug einige Tage später ein. Auf der Eisenbahnstation „Dwojnaja“ (Gebiet Rostow) sollten die Menschen in die Wagons steigen, um in den Osten zu fahren, doch die Station wurde kurz davor von der deutschen Luftwaffe zerbombt. Es kamen immer mehr Vertriebene auf die Station hinzu, jedoch gab es kein weiterkommen. Familien hausten über einen Monat unter freiem Himmel und bekamen keine Versorgung. Bereits da kam es zu den ersten Todesopfern.

Erst Anfang Dezember brachte man die Menschen nach Baku, zum Kaspischen Meer, und von dort mit dem Schiff nach Turkmenistan (Turkmenbaschi/Krasnowodsk). Von da an ging es im unbeheizten Viehwagon nach Nordkasachstan, wo -30 Grad Frost herrschten. Nach Zeugenaussagen starben in diesen zwei Monaten der Deportation ca. 90 ehemalige Bewohner von Rosental, unter denen auch Gustavs erste Enkelin und drei seiner Neffen und Nichten befanden.

Gustavs Familie kam an Weihnachten 1941 in Dorf Mnogozwetnoe, Kreis Krasnoarmejsk, Gebiet Nord-Kasachstan an. Doch das war nicht das düsterste Weihnachtsfest seines Lebens. Die Familie fing gerade an den zugewiesenen Schuppen winterfest zu machen, als Mitte Januar alle arbeitsfähigen Männer (von 17 bis 50 Jahren) zum Dorfsowjet einbestellt wurden. Nach Stalins Order sollten bis zum 30. Januar alle russlanddeutschen Männer im Sinne der „rationalen Ausnutzung“ in das Arbeitslager gebracht werden. Bereits am 6. Februar 1942 kam Gustav zusammen mit seinem Sohn und vielen weiteren männlichen Verwandten ins Lager in den Ural. Wenn die Hölle einen Namen hätte, würde sie „Tschelabmetallurgstroj“ oder „BakalLAG“ heißen.  Das war das Buchenwald der Russlanddeutschen. Hier starb jeder dritte Lagerbewohner. Stacheldraht, Baracken, Hunger, Läuse, Kälte, Schmutz, Appelle vor und nach der Arbeit, bei jedem Wetter; mehrere Kilometer vom Lager zum Einsatzort und zurück, mit Militärkonvoi: „Schritt nach links – Schritt nach rechts – es wird geschossen ohne Vorwarnung“… und bis zu 14-Stunden Arbeit: 6-7 Tage die Woche, bei jedem Wetter. Und das alles, weil man Deutscher war.  

Was Gustav über die Sowjetmacht dachte, die er mit aufgebaut und die ihn jetzt als einen Feind behandelte, werden wir nicht erfahren. Er starb am 4. März 1943 mit 47 Jahren an Hunger und unmenschlicher Arbeit. Sein Grab ist unbekannt.

Die offizielle Nachricht von seinem Tod  erhielt die Familie erst im Jahr 1990.




Irene Hinsch und Nina Sophie Hinsch

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