Karl Seibel und Nelli Seibel (geb. Rosengrün) 1963 in Kalmanka, Region Altai, Russland

Karl Seibel

Geschrieben von Edgar Seibel aus Wetter (Hessen) am .

Karl Seibel wurde am 30. Mai 1940 im Dorf Nieder-Monjou in der autonomen Republik der Wolgadeutschen in der Sowjetunion geboren. Im August 1941 wurde er als Kleinkind mit seinen Eltern und zwei Geschwistern nach Sibirien deportiert.


Karl Seibel und Nelli Seibel (geb. Rosengrün) 1963 in Kalmanka, Region Altai, Russland
Karl Seibel und Nelli Seibel (geb. Rosengrün) 1963 in Kalmanka, Region Altai, Russland

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Nieder-Monjou (ASSR der Wolgadeutschen)

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Nowy, Rayon Kalmanski, Region Altai, Sibirien

In der Verbannung in der sibirischen Region Altai hausten sie in Grubenhäusern, den sogenannten „Semljanki“. Unter anderem erzählte mir mein Großvater Karl wie er in dem Dorf Nowy mit den ebenfalls zwangsumgesiedelten Kalmücken-Kindern spielte, sie in ihrer Freizeit auf Ziesel-Jagd gingen oder auf den Dächern von Zügen herumsprangen. Nichtsdestotrotz war es eine Zeit voller Entbehrungen, wenig Essen und dem Verbot den zugewiesenen Landkreis zu verlassen. Der Vater von Karl, der ebenfalls Karl hieß (1909-1960) starb früh an einer schweren Krankheit, seine Frau Maria, geborene Müller, starb im Jahr 2001 im Alter von 89 in Deutschland. Ein einfacher Schuhmacher war Karl Senior gewesen, doch seinem Sohn hatte er den unvergesslichen Satz mit auf den Weg gegeben: „Der Schmutz ist für mich da. Du bist für größere Dinge auf dieser Welt!“ „Als Stalin starb“, so erzählte mir mein Opa, „da ward es plötzlich warm und sonnig in unserem Dorf. Ich erinnere mich noch genau, wie der Lehrer vor unsere Klasse trat und noch bevor er etwas sagen konnte, in Tränen ausbrach. ‚Unser großer Generalissimus Stalin ist von uns gegangen‘, sagte er. Da wussten wir Kinder gleich: Jetzt können wir endlich früher nach Hause gehen“

Nach Stalins Tod traten mit der Zeit immer mehr Lockerungen für die Vertriebenen in Kraft, wobei mein Opa bis heute manchmal beklagt, dass seine alten Schulkameraden, die buddhistisch geprägten Kalmücken, letzten Endes ihre autonome Republik zurückbekommen haben, die Wolgadeutschen aber nie mehr.

Karl Seibel arbeitete sich schließlich hoch zum Leiter einer Sowchose

Karl Seibel arbeitete sich schließlich hoch zum Leiter einer Sowchose (Landwirtschaftlicher Großbetrieb in der UdSSR) und wurde nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Sowjetunion in den 90er Jahren Bürgermeister des Dorfes Kubanka im Altaigebirge.

Wie die meisten Russlanddeutschen verließ auch mein Großvater gemeinsam mit seiner Ehefrau, der ebenfalls deportierten Nelli geb. Rosengrün (1940-2019), schweren Herzens sein Dorf in Sibirien. Im Sommer 1998 kamen sie in Deutschland an, etwas später, im Herbst desselben Jahres, folgten meine Eltern, mein kleiner Bruder Felix (geb. 1997) und ich dem Ruf nach Deutschland. Eine Zukunft im neuen Russland sah man nicht mehr.

Nach seiner sowjetischen Vergangenheit wurde mein Großvater Karl Seibel ab 2002 Küster der lutherischen Kirchengemeinde in Hallenberg (NRW) und Bromskirchen (Hessen). So kann sich das Leben ändern. Nach nun fast 20 Jahren arbeitet Karl noch immer fleißig für die Kirche und erinnert sich gern daran, dass der Glaube besonders die Generation seiner wolgadeutschen Eltern immer fest zusammengehalten hat.

Auf einer Website der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, welche sich den Opfern des Stalinistischen Terrors verschrieben hat, findet man auch meinen Opa Karl Seibel mit dem Vermerk, dass er aufgrund seiner ethnischen Volkszugehörigkeit unter Repressalien geraten ist und erst am 20.12.1993 offiziell rehabilitiert worden ist.




Karl Seibel

mit Enkel Felix, Sohn Konstantin und Enkel Edgar

(von links nach rechts): Enkel Felix, Karl Seibel, Sohn Konstantin Seibel und Enkel Edgar





Geburtsschein von Karl Seibel
Geburtsschein von Karl Seibel
Zeitungsartikel (2002) über Karl Seibel
Zeitungsartikel (2002) über Karl Seibel




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