Johannes Kühl (*1928)

Johannes Kühl *1928

Geschrieben von Alexander Kühl für Vira e.V.


Drei Tage nach dem Stalin-Erlass und deren Bekanntmachung kamen die ersten Soldaten in sein Dorf. Johannes Kühl war damals zwölf Jahre alt. Bei der Einberufung in die Trudarmee war er 14 Jahre alt.

„Die Soldaten taten nichts Schlimmes. Aber die Befehle führten sie gnadenlos aus. Wir wurden auf zwei kleine LKWs verladen, deren Seitenwände höchstens 50 cm hoch waren. Ein Verdeck gab es auch nicht. Die Männer haben sich dann an den Rand eng umschlungen hingestellt und die Frauen mit den Kindern kamen in die Mitte, damit keiner auf holpriger Strasse herunterfiel.

... Der Transport ging bis zum Wolgaufer, wo alle abgeladen wurden. Dort mussten wir erstmal ohne Zelt oder einen Schutz vor der Kälte ausharren. Jeder hatte nur erlaubte 15 kg Gepäck bei sich, wo hingegen die Frauen oft keine Gelegenheit dazu hatten, weil sie ihre Kinder auf den Armen trugen. Auf unserem LKW befanden sich acht Kinder, darunter drei aus meiner Familie.

Alle versuchten mehr als erlaubte 15 kg mitzunehmen. Weil die Menschen meinten, dass sie alles in den Fluss werfen werden, was sie nicht mitnehmen dürften...

Die Leute wurden auf Schleppkähne gepfercht, sodass der Tiefgang der Boote weit überschritten wurde. Die Wolga war an diesem Tag sehr ruhig, die Oberfläche glich einem Spiegel, zum Glück. Denn auch die kleinste Wellenbewegung hätte die total überfüllten „Barkassen“ sofort zum Kentern gebracht.

Nach dem Krieg wurde es erlaubt, die Familien in die Verbannungsorte zu holen. Da hat Johannes Vater eine böse Überraschung erlebt:

„Der Betriebsdirektor erlaubte ihm, seine Familie zu sich zu holen. Der Vater bekam Urlaub. Mit einer gekauften Fahrkarte stieg mein Vater in den Zug. Aber nach zwei oder drei Stationen wurde er verhaftet.

Ihm drohten 25 Jahre Straflager wegen unerlaubten Entfernens vom Verbannungsort. Nur das Einmischen des Direktors rettete ihn vor dem Schlimmsten...



Dieses Video ist von unserem Partner VIRA e.V. im Rahmen ihrer Veröffentlichung "1941-1956 Schicksalsjahre der Deutschen in der Sowjetunion - Zeitzeugen/Trudarmisten melden sich zu Wort" produziert worden.





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