Amalia Kerbel (1914-1986)

Amalia Kerbel (1914-1986)

Geschrieben von Waldemar Kerbel aus Kolbingen am .

Meine Mutter Amalia Kerbel wurde am 09. Oktober 1914 als uneheliche Tochter von Katharina Röhm/Rehm (1892 – 1933) und Johannes Hellwig (1894 -?) im deutschen Dorf Gnadenfeld an der Wolga geboren. Da Johannes Hellwig die Vaterschaft abstritt und sie nicht als seine Tochter anerkannte, wuchs sie bei ihren Großeltern mütterlicherseits Heinrich Röhm (1864 – 1924) und Anna Elisabeth Schleining (1868 -?) auf.


Amalia Kerbel (1914-1986)
Amalia Kerbel (1914-1986)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Friedenberg, Kreis Selmann, Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Dorf Lwowka, Kreis Dschetygora, Gebiet Kustanai

Kommandaturbescheinigung - Amalia Kerbel (1914-1986)
Kommandaturbescheinigung

Anfang der 1920er Jahre lernte ihre Mutter den verwitweten Theodor Helwich (1891 – 1921) aus Friedenberg an der Wolga kennen, der seine erste Frau und seine beiden kleinen Kinder in den ersten Monaten der Hungerjahre zu verloren haben schien. Theodor Helwich heiratete Katharina und adoptierte meine Mutter Amalia, die darauf seinen Nachnamen Helwich/Helwig übernahm. Das Eheglück hielt nur kurz an, da es zwischen März und April 1921 zu Hungeraufständen in der jungen Wolgadeutschen Republik kam, die sich rasch im gesamten Gebiet ausbreiteten. Unter den Beteiligten waren auch Theodor Helwich und sein Freund Friedrich Birkheim. Friedrich überbrachte später die Todesnachricht meiner Großmutter Katharina, dass Theodor, der bei dem Aufstand auf einem Pferd saß und einen Säbel hielt, von einem der Rotarmisten enthauptet wurde. Kurz darauf heiratete Friedrich Birkheim, der ebenfalls seine erste Frau Anna Elisabeth in den Hungerjahren verloren hatte, die junge Witwe. Es folgten zwei Halbschwestern: Emma (1923 – 2013) und Mina (1928 – 2019). Meine Großmutter starb 1933 im Alter von 41 Jahren, worauf meine Mutter, damals 19 Jahre, auf sich allein gestellt war, da der Stiefvater erneut geheiratet hatte und der biologische Vater, inzwischen eine neue Familie gegründet hatte, nichts von ihr wissen wollte. Sie heiratete einen Mann namens Friedrich, der sie kurz darauf bestahl und sich aus dem Staub machte. Es folgte die Scheidung. Eine Tatsache, die meine Geschwister und ich erst nach dem Tod unserer Mutter von Tante Mina Beckel geb. Birkheim erfuhren, da sich meine Mutter lebenslang dafür geschämt und ihre Schwester darum gebeten hatte, erst nach ihrem Tod dieses Geheimnis zu lüften. 1935 heiratete sie meinen Vater Friedrich Kerbel gegen den Willen seiner Mutter. Die ersten beiden Söhne Friedrich und Alexander verstarben in Säuglingsalter. 1939 wurde meine älteste Schwester Amalia geboren.

Das Dekret über die Deportation der Wolgadeutschen traf sie wie ein Schlag. Anfang September 1941, wurde meine Hochschwangere Mutter, sie war im 8. Monat schwanger, zusammen mit meinem Vater und meiner fast 2-jähriger Schwester nach Kasachstan in das Dorf Lwowka, Kreis Dschetygora im Gebiet Kustanai deportiert. Dort gebar sie, einen Monat später, meine ältere Schwester Maria (1941 – 2020). 1942 wurden alle Männer aus dem Dorf für die Trudarmee mobilisiert, darunter auch mein Vater, sodass meine Mutter mit zwei kleinen Kindern zurückblieb. Sie und mein Vater verloren sich für 9 Jahre aus den Augen, sodass keiner von den Beiden mehr wusste, ob der andere überlebt hatte. In den Kriegsjahren schlug sich meine Mutter als Melkerin in der Kolchose durch und zog ihre Töchter allein groß. Nach 9 Jahren der Ungewissheit erhielt Amalia ein Schreiben von meinem Vater, der inzwischen in der Goldgrube in Bestobe (Gebiet Akmola) arbeitete. Dieser hatte in der Zwischenzeit mit einer russischen Soldatenwitwe zusammengelebt und zwei weitere Töchter gezeugt. Von Bekannten, Familie Uhrich/Fritzler, die ebenfalls aus Friedenberg stammten und nach Lwowka deportiert worden waren und später in Bestobe landeten, hatte er erfahren, dass meine Mutter und seine beiden Töchter lebten. Auf Bittschrift „zur Familienzusammenführung“ zog meine Mutter mit meinen beiden Schwestern und Tante Mina nach Bestobe. 1951 wurde meine Schwester Lydia geboren, die aber als Säugling verstarb. 1953 kam mein Bruder Alexander zur Welt und 1954 ich. Bis 1956 lebte unsere Familie unter der Kommandantur. In den Heimatort an der Wolga durften wir nie zurückkehren, sodass meine Eltern im Exil verstarben. Nach dem Tod meines Vaters 1984 lebte meine Mutter mit mir und meiner Familie im gleichen Haus. Im Alter von 71 verstarb meine Mutter am 29.04.1986 und wurde neben meinem Vater auf dem Friedhof in der Steppe von Bestobe beigesetzt, wo das Grab bis heute noch zu finden ist.

Anfang der 90er Jahren reisten meine Geschwister und ich mit unseren Familien nach Deutschland aus.




Waldemar Kerbel

mit Foto seiner Mutter Amalia Kerbel

Waldemar Kerbel mit Foto seiner Mutter Amalia Kerbel




Tauschen Sie sich über den Beitrag aus.


Kommentare powered by CComment



Facebook    Instagram    Twitter    OK.ru