Peter Scheiermann (1908-1974)

Peter Scheiermann (1908-1974)

Geschrieben von Tamara Kinsvater aus Lahr im Schwarzwald am .

Mein Opa Peter Scheiermann wurde 1908 im Dorf Jagodnoja Poljana, Gebiet Saratow, als Sohn von Heinrich Scheiermann und Maria Scheiermann, geb. Dippel, geboren. Leider verlor er sehr früh seine Eltern und damit auch den Kontakt zu seinen Geschwistern, bis auf seine jüngere Schwester Frieda. Mit 19 Jahren wurde er in die Rote Armee eingezogen und diente in der Kavallerie. 1932 heiratete er Emma Koch und arbeitete in der Landwirtschaft als Vorarbeiter.


Peter Scheiermann (1908-1974)
Peter Scheiermann (1908-1974)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Jagodnoje, Kanton Krasny Kut, ASSR der Wolgadeutschen

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Kopa, Gebiet Kokschetau, Kasachstan

Am 1. September 1941, nach dem Erlass von Stalin vom 28.08.1941, wurde er mit seiner Familie nach Kasachstan deportiert. Zu dieser Zeit hatten Peter und seine Frau Emma bereits drei Kinder und bei dieser widerrechtlichen Aussiedlung „aus nationalen Motiven“, wurden sie alle (Emma *1911, Viktor *1935, Johannes *1937, Alexander *1939 sowie die Großtante Elisabeth *1870) in Viehwagons nach Kasachstan gebracht. Kurze Zeit später kam die Tochter Flora (*1942) zur Welt und gleichzeitig, im Januar 1942, wurde Opa in die Trudarmee abgeholt. Stalins Ziel war es die „Vernichtung durch Zwangsarbeit und Unterernährung“, aufgrund der gleichen Nationalität mit dem Feind, den Deutschen.

Von 1942 bis 1947 war mein Opa im Arbeitslager in Kopeisk, Süd-Ural. Dort mussten die Zwangsarbeiter bei eisiger Kälte Bäume fällen und sie zu Flüssen bringen. Im Frühjahr wurden die Bäume auf dem Wasserweg transportiert. Schlechte Kleidung, kaum Nahrung und fehlende medizinische Versorgung hatten zur Folge, dass täglich Menschen starben. Mein Opa war einer der wenigen, der lebend zur Familie zurückkehrte.

Wie schaffte es nun mein Opa, da zu überleben?

Er war von Natur aus ein starker Mann, der stets „Große Peter“ bzw. „Petrucha“ genannt wurde. Bei schwerer Arbeit hieß es im Dorf immer: „Ruft mal Petrucha!“. Er hatte die Kraft, wortwörtlich den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Auf der anderen Seite hatte ihm sein Dienst in der Kavallerie das Leben gerettet, bzw. sein Geschick und Können mit Pferden umzugehen und diese richtig und gesund zu pflegen. Eines Tages wurde nach Menschen gesucht, die genau diese Fähigkeiten besaßen. Mein Opa meldete sich und hatte nun, zusammen mit wenigen anderen Männern, die Wärme der Pferde und auch die Möglichkeit von deren Haferration etwas heimlich zu essen.

So kam er, nach über fünf Jahren, im August 1947 wieder zur Familie. Von den Kindern wurde er nur vom ältesten Sohn als Vater erkannt. Er bekam die Möglichkeit als Tischler zu arbeiten. Drei weitere Kinder: Frieda (*1950), Jakob (*1952) und Hilda (*1954) vervollständigten das Familienglück.

Auch nach 1968, bereits als Rentner arbeitete Opa als „Objestschik“ (Aufpasser), so ritt er beispielsweise die Felder ab und schaute nach dem Rechten (hier entstand auch das Foto von ihm auf dem Pferd in der kasachischen Steppe…).

Noch bis 1956 waren er und seine Familie, wie auch alle Deutschen im Dorf, bei der Sonderkommandantur der Organe des Innenministeriums registriert, ohne das Recht auf Freizügigkeit. Erst 1990 wurden die Russlanddeutschen rehabilitiert, eine offizielle Entschuldigung gibt es bis heute nicht.

Mein Opa erlebte die Rehabilitation nicht mehr, er starb 1974, mit 66 Jahren. Somit habe ich ihn persönlich nie kennen gelernt, aber durch Oma Emma (die 1993 mit uns nach Deutschland kam und bis 1998 hier lebte) und alle Geschwister meiner Mutter Hilda, bleibt er in unserer Erinnerung. Bei den Familientreffen wird viel und gerne erzählt und auch gelacht. Trotz des schweren Schicksals haben meine Großeltern das Leben stets bejaht und ihren Kindern viel Liebe geschenkt. Diese spüren auch wir, die Enkelgeneration.




Tamara Kinsvater

mit Fotos Ihrem Opa Peter Scheiermann

Tamara Kinsvater mit Fotos Ihrem Opa Peter Scheiermann




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