Jacob Michaelis (1891-1936)

Jacob Michaelis (1891-1936)

Geschrieben von Paulina Micheilis aus Stadthagen am .

Mein Opa Jacob Michaelis wurde in Ährenfeld Saratow (Gebiet Gubernija) geboren und hatte 7 Geschwister. Seine Eltern, Jacob Petrowitsch Michaelis (geb.1861-1938?) und Katharina Kidion (1864-1938?) waren Bauern. Als sie 1911 aus dem Gebiet Saratow nach Sibirien kamen (bestimmt hatten sie ein besseres Leben gesucht), hatten sie bereits alle 8 Kinder. Mein Opa war der Zweitgeborene.


Jacob Michaelis (1891-1936)
Jacob Michaelis (1891-1936)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Dorf Blumenfeld, Kreis Burla

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Dorf Blumenfeld, Kreis Burla, Altaj Region

Den Opa von der Seite des Vaters habe ich nicht kennengelernt, da er sehr früh verstorben ist. Leider habe ich sehr spät angefangen mir Gedanken über unseren Stammbaum und die Forschung nach meinen Ahnen zu machen. Etwas habe ich trotzdem erfahren. Als die Vorfahren nach Sibirien kamen, wo es nur Steppe gab, mussten sie sich alles schnell aufbauen. In einem von ihnen mitbegründeten kleinen evangelischen Dorf ‚Blumenfeld‘ hatten sie sich als erstes eine kleine Erdhütte gebaut. Alle Neuankömmlinge in Sibirien bekamen zu der Zeit von der russischen Verwaltung für jedes männlichen Mitglied der Familie, für jede „Seele“ ein Stück Land zugewiesen: 15 Desjatinen (vergleichbar mit Hektar). Die Familie meines Opas bekam 75 Desjatinen und gehörte damit zu den landreichsten Siedlern des Dorfes. Die Neuankömmlinge legten Felder und Gärten an, hatten Getreide, Obst und Gemüse angebaut, Vieh gezüchtet. Mein Uropa, Onkel und Tanten von meinem Vater und mein Opa konnten alle Schreiben und Lesen. Der Uropa, Jacob Petrowitsch, hatte sogar zeitweilig die Kinder im Dorf unterrichtet. Die Familie Michaelis kam dank harter Arbeit zu einem gewissen Wohlstand, der später zu ihrem Verhängnis wurde.

Das Elend begann bereits 1914, als Opa Jacob im Ersten Weltkrieg als Soldat an die Westfront gehen musste. Er diente im 196. Inzarskij-Infanterieregiment der Zarenarmee, hatte auf der russischen Seite gegen Deutschland und Österreich gekämpft. Im Gefecht am 13.Oktober 1914 wurde er verletzt und als vermisst gemeldet. Die Familie glaubte lange Jacob verloren zu haben, bis sich später herausstellte, dass er in Gefangenschaft in Österreich war. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, kam Jacob nach Hause, heiratete die neun Jahre jüngere Alvina Resch, mit der er 7 gemeinsame Kinder hatte. In den 30er Jahren verlor Jacob, wie auch die anderen Bewohner von Blumenfeld, all seinen Besitz durch die Kollektivierung. In der Kolchose arbeitete Opa als Buchhalter, bis er 1936 an einer Blinddarmentzündung starb.

In der nachfolgenden Zeit des Großen Terrors (1937-38) wurden die Geschwister von meinem Opa und der Uropa samt deren Familien von Sowjets verfolgt und als deutsche Spione und „Kulaken“ (reiche Bauern) verurteilt. Drei Brüder meines Opas: Peter, Heinrich und Alexander Michaelis und sein Schwager Johann Seel wurden einer nach dem anderem verhaftet: Drei von ihnen wurden von der NKWD erschossen, einer (Peter) starb nach 1,5 Jahren Haft an Herzversagen im Arbeitslager. Auch die Ehefrauen der Verfolgten, Opas Schwester Elena und seine Schwägerin Alwina Werle wurden verfolgt. Die beiden wurden verhaftet und für 10 Jahre ins Arbeitslager nach Kolyma in die Goldgruben/Mienen geschickt. Sie haben überlebt und kamen als gebrochene Frauen zurück, konnten nach dem Erlebten, der Kälte und der unmenschlichen Arbeit nie wieder heiraten oder Kinder bekommen.

Die NKWD wollte auch Jacobs Vater, Jacob Petrowitsch, verhaften, doch als sie ihn abholen wollten, lag er bereits nach einem Schlaganfall krank im Bett. Deswegen verhafteten sie den Enkelsohn, Peter. Jacobs Mutter, Katharina, wollte in das mehr als 40km entfernte Gefängnis warme Sachen und etwas zu Essen für den Sohn und Enkelsohn bringen und hatte sich im Schneesturm verlaufen und wurde erst einige Tage später im kalten sibirischen Schnee tot aufgefunden.

So wurde ein Großteil der Familie Michaelis innerhalb der kürzesten Zeit durch das kommunistische Regime sehr stark minimiert.

Auch die eigenen Kinder von Opa Jacob wurden von der Verfolgung getroffen: drei seiner älteren Söhne und die ältere Tochter kamen im Zweiten Weltkrieg ins Arbeitslager. Es war ein Wunder, dass sie die übrigen fünf Kinder überlebten.




Paulina Micheilis

mit Fotos von ihren Großeltern Alwina und Jacob

Paulina Micheilis mit Fotos von ihren Großeltern Alwina und Jacob




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