Johann Michel (1909-1977)

Johann Michel (1909-1977)

Geschrieben von Paulina Micheilis aus Stadthagen am .

Johann Michel ist als Sohn von Jacob Jacowlewitsch Michel (1864 -1918) und Paulina Philippowna geb. Kint (1872-1940) in Ährenfeld, Saratow Gebiet geboren. Die Ehe der Eltern galt als ungleich, da Jacob als Knecht bei den Kints im Nachbardorf Rosenthal arbeitete. Die Kints gehörten zu den wohlhabenden in der Gegend, sie hatten eine eigene Mühle und ein großes Gehöft. Doch die Liebe war stärker: Paulina heiratete Jacob und sie hatten neun Kinder.


Johann Michel (1909-1977)
Johann Michel (1909-1977)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Ährenfeld, Autonome Republik der Wolgadeutschen

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Dorf Michajlowka, Kreis Burla, Altaj Region

Die Kindheit von Opa Johann war nicht einfach, er war einer von acht Kindern: seine Mutter war die erste Zeit nach der Hochzeit oft ins Elternhaus gegangen, um Lebensmittel zu besorgen, doch mit der Zeit kam die Familie Michel auf die Beine, baute ein Haus. Dabei musste Opa Johann kräftig mitanpacken, vor allem in den Jahren des Ersten Weltkrieges und der Revolution. Nach dem Tod seines Vater 1918 musste Johann mit 11-12 Jahren einige Aufgaben im Hause übernehmen, um seine Mutter zu unterstützen.

In den Zeiten der „neuen Wirtschaftspolitik“ (НЭП) von Lenin konnte die Familie Michel, die immer noch gemeinsam im Elternhaus wohnte, ihre Wirtschaft erheblich vergrößern, so dass zum Anfang der Kollektivierung sie Angst haben mussten als „Kulaken“, reiche Bauern, eingestuft zu werden. Deshalb wurde Anfang der 30er Jahre die Wirtschaft der Michels in mehrere kleine Wirtschaften zerschlagen: jedes inzwischen verheiratete Mitglied der Familie bekam eine Kuh oder ein Pferd und musste das Haus der Mutter Paulina verlassen und neu anfangen. Das hatte die Familie allerdings trotzdem nicht vor der Verstaatlichung durch die Kollektivierung geschützt. Zu der Zeit war auch Johanns Bruder Alexander „verschollen“, was zu der Zeit wohl eine Verhaftung durch NKWD bedeutete.

Johann, der Ende der 20er Jahre geheiratet hatte, überlies das Haus der Mutter und seinem jüngeren Bruder Emmanuel. Die neugegründete Familie kaufte sich ein neues Haus. Johann machte seine Ausbildung zum Veterinär, arbeitete in der Kolchose. Sie hatten sich gerade neue Existenz aufgebaut.

Als der Krieg 1941 anfing, hatte mein Opa schon eine große Familie: meine Mutter Emilia war die Älteste, dann Mina und Lidia und die Oma Paulina war Schwanger mit Johann. Über Nacht mussten Sie alles stehen und liegen lassen und mit wenigen Privatsachen wurden sie nach Sibirien deportiert. Das Haus, das Vieh und die Möbel wurden zurückgelassen.

In Sibirien, im Dorf Michajlowka (Burla Region), angekommen, wurden sie in einer Familie aufgenommen. Opas Geschwister wurden auch alle aus Ährenfeld nach Sibirien deportiert. Zwei Schwestern, Torda und Paulina, und zwei Brüder, Alexander und Andrej, kamen mit ihren Familien nach Podsosnow, Altai Gebiet. Bruder Jacob war während Deportation verschollen, man geht davon aus, dass er verhaftet und erschossen wurde.

1942-43 wurden die Geschwister Michel ins Arbeitslager („Trudarmee“) „mobilisiert“: Heinrich in ein Arbeitslager in der Nähe von Swerdlowsk, wo er bereits ein Jahr später, 1943, an Hunger und schweren Arbeit starb; Emmanuel kam nach Nowosibirsk, in den Bergbau; Opa Johann wurde nach Baschkirien geschickt, um Bäume zu fällen.

Johanns Frau blieb ohne Haus und Unterstützung mit drei Kindern und einem Baby auf dem Arm zurück. Die Familie hat alle Kriegsjahre gehungert. Auch die Nachkriegsjahre waren nicht einfach.

Die Zeit im baschkirischen Arbeitslager war furchtbar: Die Deutschen wurden einfach als kostenlose Arbeitskraft benutzt und als Feinde behandelt. Als Opa Johann im Lager angekommen war, gab es nicht mal Baracken zum Übernachten, sie mussten unter freiem Himmel schlafen. Erst mussten sie sich selbst Baracken bauen. Mit einfachen Beilen und Sägen mussten sie die Bäume fällen, sie auf dem Boden, auf den Rücken zum Stapeln schleppen... Die Leute wurden behandelt wie der letzte Dreck, wie Vieh, geschlagen und misshandelt, wer nicht mehr konnte, ausgehungert und von Kälte erfroren war, wurde einfach zum Sterben zurückgelassen. Proviant hatten sie auch kaum bekommen. Viele waren nicht mehr zurückgekommen, mein Opa hatte Glück: er hatte es überstanden, die Ausnutzung, die ganze Erniedrigung.

Opa Johann kam erst Ende der 40er Jahre aus dem Lager nach Hause zurück. Sein kleiner Sohn, Johann, kannte ihn gar nicht, die älteren Kinder konnten sich an ihn auch kaum erinnern.

Der Anfang in der Kolchose in Michajlowka war schwer. Die Kolchosleitung hätte dringend einen Veterinären gebraucht, doch wegen Johanns schlechten Russischkenntnissen wollten sie ihn nicht übernehmen. Er könne die Berichte an die Kreisverwaltung nicht schreiben. Im Ergebnis galt Opa Johann auf dem Papier als Schäfer, jedoch kamen die Dorfbewohner zu ihm, wenn eine Kuh, ein Pferd oder ein Schwein krank wurde.

Opa verbrachte viel Zeit mit seinem Sohn Johann, er war oft mit dem Kleinen fischen gegangen. Aus Fisch hatten sie Suppen gekocht, den Fisch gebraten und eingesalzen. Langsam ging es der Familie besser, es wurde ein Haus am Dorfeingang gebaut, mehr Vieh angeschafft und ein kleiner Garten angebaut.

1951 starb Johanns Ehefrau Pauline, er blieb allein mit zwei Töchtern und einem Sohn, meine Mutter hatte gerade geheiratet. Drei Jahre später heiratete er ein zweites Mal, Natalja Klein, mit der er eine weitere Tochter bekam.

1969 war die Neugegründete Familie nach Kirgisien gezogen. Zu der Zeit hatte Opa bereits Probleme mit der Gesundheit, wurde zweimal in Barnaul operiert. Die letzte Operation im Krankenhaus in Frunse (heute Bischkek) hatte sein Herz nicht mitgemacht: Opa Johann ist 19.01.1977 gestorben.




Paulina Micheilis

mit Fotos von ihren Großeltern Paulina und Johann

Paulina Micheilis mit Fotos von ihren Großeltern Paulina und Johann




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