Paulina Michel (1910-1951)

Paulina Michel (1910-1951)

Geschrieben von Paulina Micheilis aus Stadthagen am .

Über Meine Oma mütterlicherseits weiß ich leider nicht viel. Paulina Schneider ist an der Wolga, in der Kolonie Ährenfeld 1910 in der Familie von Adam und Maria Schneider zur Welt gekommen. Sie hatte drei Geschwister, die Familie war wohlhabend. Paulinas Kindheit und Jugend fielen in die Zeit des Ersten Weltkrieges, der Revolution, des Bürgerkrieges und dem damit verbundenen Hunger an der Wolga. In den 1920er Jahren versuchte die Familie auszuwandern, jedoch war es nur der ältesten Schwester Amalia und ihrem Onkel Heinrich Schneider gelungen. Später gingen sämtliche Verbindungen zu Amalia verloren, Heinrich kam aber in die Sowjetunion zurück.


Paulina Michel (1910-1951)
Paulina Michel (1910-1951)

Deportiert, repatriiert oder repressiert von:
Ährenfeld, Autonome Republik der Wolgadeutschen

Deportiert, repatriiert oder repressiert nach:
Dorf Michajlowka, Kreis Burla, Altaj Region

Mit 19 Jahren heiratete Paulina Johann Michel, der seine Ausbildung zum Veterinär machte und sie zuerst ins Haus der Schwiegermutter brachte. Mit 20 Jahren bekam Paulina ihr erstes Kind und die Familie zog ins eigene Haus. Paulina arbeitete in der Kolchose, bekam drei Kinder und verbrachte ihre Zeit damit, sich um die Kinder, das Haus, den Garten und die Tiere zu kümmern. Wie so viele Frauen ihrer Zeit…

Zur Zeit der Deportation im September 1941 war Paulina schwanger. In dieser Situation verloren tausende Frauen ihre ungeborenen, ihre Säuglinge oder Babys, doch Paulina blieb dieses Schicksal wunderbarerweise erspart. Wochenlange Fahrt im Viehwagon, Stress, Zukunftsangst, Unterbringung bei fremden Leuten – all das hat sie überstanden und einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Doch diese Welt war nicht besonders wohlwollend zu ihr: Ihr Mann wurde im gleichen Winter ins Arbeitslager nach Baschkirien verschleppt, gleich nach der Geburt des Kindes musste auch sie arbeiten gehen, denn sonst hätte sie kein Anrecht auf Lebensmittelversorgung weder für sich, noch für ihre vier Kinder gehabt. Während Polina arbeitete, passte meine Mutter, die ältere Tochter, auf das Baby und die jüngeren Geschwister auf.

Keiner in der Familie konnte Russisch sprechen, was die Kommunikation natürlich erschwerte. Man lernte bei der Arbeit. Auch in der Schule bekamen die Kinder Probleme, oft wurden sie als Faschisten gehänselt. Das größte Problem jedoch war die Lebensmittelversorgung: die Familie musste oft hungern. Sie hatten die letzten Sachen für ein paar Kartoffeln oder ein Stück Brot ausgetauscht. Um die Bäuche zu stopfen, mischte man Gras zur Balanda (Wassersuppe) bei. Es gab auch kaum etwas zum Anziehen. Die Not begleitete die Familie noch Jahre nach dem Krieg. In den Jahren 1946-47 gab es Missernten in der Altaj Region und in den Kolchosen kam es erneut zur Hungersnot. Menschen aus der Umgebung hatten heimlich sogar Tierkadaver gegessen.

Erst als Paulinas Mann aus dem Lager zurückkam, ging es der Familie allmählich wieder besser: sie konnten sich eine eigene Erdhütte bauen und eine eigene Wirtschaft führen. Die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre führten zur Schwächung Polinas Gesundheit: 1951 ist sie gestorben.




Paulina Micheilis

mit Fotos von ihren Großeltern Paulina und Johann

Paulina Micheilis mit Fotos von ihren Großeltern Paulina und Johann




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